Die Entstehung Ungarndeutscher Gemeinschaften in Hessen 1948-1960

Festvortrag unseres Mitgliedes Krisztina Dürr MA am 59. Stiftungsfest

Die Zeitzeugen, die Erlebnisgeneration der Enteignung und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Osteuropa werden immer weniger. Die Weitergabe von Wissen und Erinnerung an die nächsten Generationen geht allmählich in dem Forschungs- und Wirkungsbereich der Historiker über. Die unmittelbare mündlich-familiäre Tradierung der erschütternden Ereignisse, die nach Kriegsende auch auf unsere Volksgruppe in Ungarn unvermittelt hereinbrach, läuft aus. Die Erinnerungen verblassen und versinken, nur mehr die Geschichtsschreiber werden sie weiter transportieren und im kulturellen Gedächtnis der Deutschen wachhalten können. Es ist ein natürlicher, völkerübergreifender Prozess. Wer von den jüngeren Ungarndeutschen weiß z.B. etwas über die einzigartige Kraftanstrengung des Landes Hessen – und insbesondere der Region um Darmstadt – bei der Bewältigung der Eingliederung von fast einer halben Million Vertriebenen und Flüchtlingen? Dreißigtausend von ihnen waren Ungarndeutsche. Von ihrer Aufnahme und gelungenen Eingliederung durch engagierte kirchliche Stellen und staatliche Persönlichkeiten, und nicht zuletzt die einheimische Bevölkerung, referierte Krisztina Dürr MA am Nachmittag des 59. Stiftungsfestes der Suevia Pannonica in Stuttgart.

Exemplarisch herausgestellt wurde die Donausiedlung in Gelnhausen, die als „evangelische Handwerkersiedlung“ bezeichnet werden kann und die katholische „landwirtschaftliche“ St. Stephan-Siedlung in Griesheim. Besonders zwei Faktoren seien für die gelungene rasche Eingliederung der Ungarndeutschen in dieser Region hervorzuheben. Zum einen die heraus­ragende Persönlichkeit des SPD Bürgermeister und bekennenden Katholiken von Darmstadt, der ausdrücklich ungarndeutsche Vertriebene in seinem Umland aufnahm. Bei der Koordinierung der Ansiedlungsaktion hat die von unserem Bbr. Prodekan Spiegel-Schmidt beauftragte vormalige Angestellte im Deutschen Haus in Budapest, Irma Steinsch (Schlesierin) wesentlich mitgewirkt. Die Siedlung in Gelnhausen wurde zum „Zentrum“ der Bonnharder Vertriebenen.

Das Engagement der katholischen Kirche konzentrierte sich auf die St. Stephanssiedlung in Griesheim. Hier wurde das erste Großprojekt für die vertriebenen Landwirte aufgelegt, in deren Rahmen 40-50 Bauernfamilien eine Hofstelle und Land bekamen. Ungarndeutscherseits war Rechtanwalt Gussmann die treibende Kraft.

Als zweiten, mitentscheidenden Aspekt für die geglückte Eingliederung benannte die Referentin, das Zupacken und die Beharrlichkeit der vertriebenen Familien selbst. Wohlwollende Aufnahme der Vertriebenen war aber auch hier singulär. Auffallend war ihr politisches Desin­teresse und ihr ausgeprägter Selbstversorgungsinstinkt. Die meisten hielten – wie in ihrer alten Heimat – Schweine und Hühner und wurden wegen der Geruchsbelästigung bald mit Beschwerden konfrontiert. Deshalb wurde die Haustierhaltung in der ausgesprochenen Wohn­haus­siedlung in Gelnhausen nach sechs Jahren behördlich abgeschafft. Aus der Gelnhausener Gemeinschaft kam einer ihrer bekanntesten Politiker, Heinrich Mühl (Bonnhard). Die „hes­sischen“ ungarndeutschen Neusiedler hielten den ersten Schwabenball der Ungarn­deutschen ab. Hier wurde die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn gegründet. Hier wirkte auch der ev. Pfarrer Robert Danielis (Harkau), der – wie auch andere vertriebenen Geistliche – lange Zeit noch die Rückkehrillusion unter ihren Gläubigen wach hielten. Welcher patriotische Irrglauben und welche ungarndeutsche Enttäuschung, wie sie alle bitter erfahren mussten.